Vortrag "Von Murlingen nach Mayerling" [ Diese Seite drucken ]
(Stand: April 2007)

An dieser Stelle finden Sie den zweiten Teil des Vortrages "Von Murlingen nach Mayerling", gehalten auf Einladung des "Schwarz-gelben Forum" von Lars R. Friedrich 1998 im Gasthaus "Zum alten Jagdschloss" in Mayerling.
Teil 1 finden Sie hier.

Bild: Schwarz-Gelbes-Forum

WERBUNG

Tchibo.de - Jede Woche eine neue Welt!


Im Erdgeschoß des Hauptgebäudes liegen die Räume des Kronprinzen, darüber die Zimmer seine Gattin, Stephanie von Belgien. Nach Norden schließen sich ein niedriger Dienertrakt mit Einfahrt, das ehemalige Forsthaus - nun umgebaut für Rudolfs Tochter Elisabeth - und ein Küchengebäude an. Ein gedeckter Gang verbindet dies Gebäude mit dem zweigeschossigen Haupthaus. An der Südseite liegt ein zweiter, von einer Mauer umgebener Garten mit weiteren Springbrunnen, dem Pavillon und einer gedeckten Kegelbahn, die auch als Schießstätte genutzt werden kann.

Das Jagdschloß ist sicher kein Prunk- oder Repräsentationsbau, wird jedoch wohnlich mit vielen, aus anderen Hofgebäuden zusammengetragenen Mobilien eingerichtet worden sein. Jenseits der strengen Etikette des Wiener Hofes geht man hier allgemein im steierischen Lodenrock und in Kniehosen. Ein einzige Mal weilt auch der Kaiser im Jagdschloß Mayerling: am 25. Dezember 1887 kommt er in der Früh und reist nachmittags mit seinem Sohn zurück nach Wien.

Die längste Zeit wohnte Rudolfs Tochter Elisabeth in Mayerling: 1888 verbrachte sie drei Wochen mit kleinem Hofstaat im Wienerwald.

Für längere Aufenthalte gibt es jedoch wenig Anreiz: Von außen fehlt dem Schloß fast jeder Schmuck - außer einigen Giuliani-Figuren, wie zum Beispiel über dem Nordtor, das die Verbindung zum kurvenreichen Preinsfelder Weg gegen die Heiligenkreuzer Höhe ermöglichte. Zeitzeugen beklagen daher einen "Eindruck des Unfertigen", den die gesamte Anlage macht, monieren den "Mangel an Bildern, Büchern und Uhren im Inneren" und klagen, daß das Schloß "für Feste größeren Stils gänzlich ungeeignet" sei.

Dennoch tut sich seit Einweihung des Jagdschlosses in Mayerling einiges: 1888 wird im Wirtschaftshof ein zeitlich eingeschränkter Brief- und Fahrpostauf- und Abgabedienst als Ergänzung des Telegraphen eingerichtet, der sich seit dem November 1887 im Parterre der Villa Leiningen befindet. Im Zuge des Wohlstandes, der im gewissen Ausmaß mit der Ansiedlung eines kaiserlichen Jagdschlosses nach Mayerling kam - schließlich profitierten viele Anwohner vom Dienst während der Jagd als Treiber oder vom preiswerten Abfallfleisch nach dem Abschluß - plant man auch einen Anschluß des Ortes an die Dampfeisenbahn. Am 30. Jänner 1889 beantragen in Wien Bahnenthusiasten die Verlängerung der Lokalbahn von Traiskirchen und Rauhenstein nach Klausen-Leopoldsdorf über Mayerling mit einer 180 Meter langen Station samt Hofwartehalle. Doch allenthalben ist das Leben auf dem Weg zu seinem Tod und es kam anders, wie wir heute wissen und wie es der 1566 verstorbene Astrologe Nostradamus voraussagte: "Ich sehe den Mann, den der Vater durch eine Waffe verlieren wird, geboren von einer Frau, die wie eine Nonne lebt. Er wird sich eine Kugel vor den Kopf brennen und seine Geliebte töten. In Österreich wird man erreichen, daß alles mit Schweigen bedeckt wird".

Kommen wir jetzt zu diesem Mann, zu Rudolf. Rudolf von Habsburg. Eigentlich: Rudolph Franz Carl Josef, des Kaiserthumes Österreich Kronprinz und Thronfolger, königlicher Prinz von Ungarn und Böhmen, der Lombardei und Venedigs, von Dalmatien, Croatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien. Erzherzog von Österreich. Ritter des Goldenen Vlieses und Inhaber des Infanterie-Regiments Nr. 19.

Rudolf - ja, warum eigentlich Rudolf? Weil sein klassischer deutscher Vorname, zusammengesetzt aus dem germanischen hrod- für Ruhm und -wolf, ruhmreicher Krieger bedeutet? Sein Vater hieß Franz Joseph. Der Großvater in Wien Franz Karl, der in Bayern Max. Der letzte Kaiser seines Namens, Rudolf II., lebte zehn Generationen früher. Ein römischer König, Rudolf I., starb 1291 in Speyer. Er war ein kleiner, schwäbischer Graf, der als Verlegenheitskandidat in Frankfurt am Main zum König gewählt wurde. Als er seinen Söhnen Österreich zu Lehen gab, setzte er den Beginn der Dynastie Habsburg.

Warum nannten Prinzessin Elisabeth von Wittelsbach und Erzherzog Franz Joseph von Habsburg ihren ersten und einzigen Sohn Rudolf? Vielleicht, weil der erste Habsburger auf einem Königsthron, Rudolf I., nicht nur mutig und treu, sondern auch übermäßigem Luxus gegenüber kritisch eingestellt war? In die Zeit der Kronprinzengeburt im August 1858 hätte es gepaßt: die Revolution von 1848/49 hatte das Land geschwächt. Der 28jährige Kaiser verbat sich sogar "jede kostspielige Festlichkeit", um den Zorn der vielfach belasteten Bürger nicht zu beschwören. Gerechtigkeit, Sparsamkeit, Bürgernähe: die von Otto von Habsburg auf den Stammvater des Herrscherhauses gemünzten Attribute könnten Sisi und Franz Josef bei der Namenswahl beeinflußt haben. Geburts- und Namenstag waren es sicher nicht. Sie fielen auch nicht auf ein Datum: erster war der 21. August, letzterer der 17. April. Daß Rudolf der letzte Habsburger war, dem die Anwartschaft auf die Kaiserkrone gesichert in die Wiege gelegt wurde, wußte zum Zeitpunkt seiner Geburt niemand.

Erneut ein Szenenwechsel: Als am Nachmittag des 30. Jänner 1889 die ehemalige Priorin im Grazer Karmel, Mutter Maria Euphrasia von den heiligen fünf Wunden, den Schwestern des Klosters St. Josef der Unbeschuhten Karmelitinnen in Baumgarten bei Wien mit zitternder Stimme den Tod des Kronprinzen in Mayerling meldete, ahnte dort niemand, daß ihr Orden so bald in so enger Verbindung mit diesem Ort des Schreckens stehen würde.

Schon wenige Tage nach dem Tod des Kronprinzen und seiner Geliebten, der Baroneß Mary Alexandrine Freiin von Vetsera, gibt es Pläne, an Stelle des Jagdschlosses eine Sühnestätte zu errichten. Andere Ideen sehen vor, alle Gebäude des Jagdschlosses abzureißen und hier einen Wald zu pflanzen. Ähnlich löscht man 60 Jahre später die Erinnerung an Hitlers Berghof auf dem Obersalzberg aus: Sprengstoff rein und Bäume drauf...

Am 13. Februar 1889 schrieb der Beichtvater einer Fürstin Windisch-Graetz: "Wie gut, wie echt katholisch, wie habsburgisch wäre es, wenn jetzt dort ein Kloster strengster Observanz errichtet würde mit der Aufgabe, Tag und Nacht für den Kaiser, den Kronprinzen, für das Reich zu beten!"

Unabhängig von diesem Brief gab es bei Hofe ähnliche Pläne: Kaiserin Elisabeth selbst soll sich für ein Sühnekloster an der Schwechat eingesetzt haben. Bereits am 15. Februar legte Feldbischof Dr. Anton Gruscha ein entsprechendes Memorandum vor. Sein Plan beinhaltete, die im Jahre 1879 im Haus der Gräfin Seldern in Baumgarten - bis 1892 ein Wiener Vorort - angesiedelten Unbeschuhten Karmelitinnen nach Mayerling zu entsenden. Das Sterbezimmer sollte in eine Privatkapelle umgebaut werden, die Laurentiuskirche hätte Mittelpunkt eines Oratoriums für die Ordensschwestern werden können. Da die strengen Bauvorschriften für ein Karmelitinnenkloster jedoch die Kirche mit anschließendem Betchor als Mittelpunkt der Anlage sahen, während sich die Zellen und andere Räume um zwei Höfe gruppiert seitlich anschlossen, konnte die alte Wallfahrtskirche nicht genutzt werden. Der Hof erwarb das Gebäude im Mai 1889 für eine symbolische Summe von 1.000 Gulden und ließ es abreißen. "Die ganze Gegend empfand bittere Wehmut darüber", berichtet der Pfarrer von Alland in seiner Chronik.

Doch es gibt noch immer Spuren der einst so bedeutenden Andacht: Acht Steinskulpturen der Laurentiuskirche überlebten den Abbruch und gelangten ins Badener Rollett-Museum. Zwei der geschnitzten Kirchenbänke von 1683 kamen unter Pater Franz Nader in die Pfarrkirche St. Petrus und Paulus nach Raisenmarkt, wo sie auf Initiative des Zisterzienserpater Dr. Bernhard Vosicky 1992 restauriert wurden. Ebenfalls in die Wallfahrtskirche von Maria Raisenmarkt wurden die Kanzel mit Schalldeckel, zwei Kreuze, zwei Marienbilder und diverse Kanontafeln übertragen.

Das über vier Meter hohe Altarbild - Gerüchten zu Folge eine Schöpfung Rottmayers oder Altomontes - kam in das Dormitorium des Stiftes Heiligenkreuz, eine bemalte hölzerne Madonnen- und eine Christustatue sowie ein Heiliger Sebastian folgten 1946 und 1948. Die Holzfiguren des heiligen Rochus, des heiligen Evangelisten Johannes und des heiligen Johannes Nepomuk verblieben im Karmel, ebenso eine Stein-Halbfigur des Heiligen Laurentius.

Das Unterteil des Rokkokoaltares von 1730 kam als "Herz-Jesu-Altar" zunächst nach Raisenmarkt und wurde im Februar 1974 als Volksaltar der Filialkirche zum Heiligen Ägidius in Schwarzensee geweiht.

Der gotische Schlußstein der Kirche ging beim Abbruch leider verloren, das Steinrelief der armen Seelen im Fegefeuer verblieb jedoch, ebenso wie der Altarstein, im Kolumbarium. Dieses entstand im Oktober 1889 als Neubau im Bereich der alten Wallfahrtskirche und dient mit 48 Grabnischen als Begräbnisort der Schwestern. Auf Holzwolle gebettet, werden ihre Leichen in Holz- oder Kupfersärge dort in Nischen geschoben und luftdicht vermauert. Einer statistischen Berechnung des Hofes folgend, könnte das Kolumbarium rund 96 Jahre lang belegt werden, ohne daß es zu Doppelbeisetzungen käme.

Die abgetragene Laurentius-Kirche war rund 27 Meter lang und mit Seitenschiffen fast 20 Meter breit. Bis 1889 konnten Besucher auf einer dreigeteilten Banderole über dem Triumphbogen in verzierten Kartuschen lesen, daß die Kirche von Abt Klemens neu errichtet, 1683 zerstört und 1692 renoviert wurde - vorausgesetzt, sie verstanden Latein.

Das Gotteshaus war von einer hellen Mauer umgeben und sowohl vom Schloßhof, als auch durch ein offenes Portal von der Bezirksstraße zu erreichen. Mit dem Umbau zum kronprinzlichen Jagdschloß 1886/87 wurde dieser Durchgang zwischen Kirchen und ehemaligem Gasthof durch ein Holztor, das sogenannte Südtor, verschlossen. Es steht auch heute noch innerhalb der Klausur.

Über eine Treppe in der Südmauer erreichte man jetzt direkt das Kirchenportal, rechts unterhalb befand sich das Heilige Grab, an der Rückseite der Kirche zeigte eine Sonnenuhr - bis 1889 - die guten Stunden an.

Nachdem Mitte Februar Feldbischof Gruscha den Schwestern des Karmels in Baumgarten unter dem Siegel der Verschwiegenheit von den kaiserlichen Stiftungsplänen berichtet hatte, besichtigte am 3. April eine kirchliche Delegation die Umbauarbeiten. Zwar hatte der Kaiser zunächst den Dombaumeister von St. Stephan, Friedrich von Schmidt, für den Umbau des Jagdschlosses vorgeschlagen, doch führte die Arbeiten letztlich Stadtbaumeister Joseph Schmalzhofer nach Plänen von Heinrich Schemfil aus.

Als Stiftungskapital für die vorgesehenen zehn Nonnen, einen Priester und Dienstpersonal, die Anschaffung von Meßgeräten, Wagen und Pferden sowie die jährlichen Instandhaltungskosten wurden 150.000 Gulden genehmigt.

Anfang Oktober 1889 nahm die Kaiserliche Stiftung in Mayerling mit der Weihe des Klosters und der Seitenkapelle durch Hof- und Burgpfarrer Laurenz Mayer ihren Anfang. Am 1. November wurde schließlich die neue Kirche "ad honorem Josephi et mariae de monte Carmel" geweiht und am Allerseelentag weilte der Kaiser einer Seelenmesse für seinen Sohn bei. Über den anschließenden Rundgang durchs Kloster berichtete er: "Das Kloster ist gut ausgefallen und die Kapelle ist wirklich sehr hübsch. Die Nonnen sind zufrieden und ihre Zellen mit der unendlich einfachen ärmlichen Einrichtung haben eine freundliche Aussicht und gute Luft. In jeder Zelle und auf dem Speisetisch der Nonnen steht ein Totenkopf. Dabei sehen die Klosterfrauen sehr zufrieden aus und beten werden sie viel, so daß die Absicht meiner Stiftung erfüllt werden wird." Das Sprechgitter im Besuchszimmer des Klosters ist übrigens jenes, das früher im demolierten Wiener Karmel bei den sogenannten Siebenbüchnerinnen eingebaut war. Der Überlieferung nach soll es sich um ein Gitter aus dem ehemaligen Polizeigefangenenhaus am Salzgries handeln.

Erste Priorin wurde die am 13. Dezember 1912 in Mayerling verstorbene Mutter Maria Euphrasia Kaufmann, Stifterin der Klöster Baumgarten, Mayerling, Selo, Wandorf und Aufkirchen. Erste Subpriorin war Mutter Maria Gregoria von der hl. Theresia aus Graz. Ferner gingen Sr. M. Aloysia von der göttlichen Vorsehung, Sr. M. Magdalena vom hlst. Sakrament, als Novizin M. Ignatia von den heiligen 5 Wunden, eine geborene Prinzessin Lokowitz und verwitwete Gräfin Polyxena Esterhazy, die Grazer Novizin M. Beatrix und die Laienschwester M. Martha von der hl. Magdalena nach Mayerling

Nachdem sich der Umzug der Karmelitinnen nach Mayerling immer wieder verzögert hatte und man in dem 1882 bezogenen Baumgartener Karmelneubau unter großem Platzmangel litt, wandte sich Mutter Maria Euphrasia gemeinsam mit der Erzherzogin Infantin Donna Maria Beatrix von Österreich-Este, einer als Schwester Maria Ignatia vom hlgst. Herzen Jesu im Grazer Karmel lebende Cousine Franz Josefs, an den Kaiser. Ihr Wunsch war es, möglichst schnell die Sühnearbeit in einem alten Trakt des ehemaligen Jagdschlosses aufzunehmen.

Doch das Projekt Mayerling wurde für den Hof mit den Jahren zu einem sehr teuren Objekt. Die kaiserliche Stiftung für den Unterhalt der Nonnen mit jährlich 5.000 Gulden plus 700 Gulden für die Heizung mußte schon im ersten Jahr auf 7.500 Gulden erhöht werden. Bereits im April 1891 sah sich der Kaiser gezwungen, den Stiftungsbrief erneut zu ändern: das Kapital der "Kaiser-Franz-Josef-Stiftung des Klosters der Karmelitinnen zu Mayerling" wurde auf 180.000 Gulden aufgestockt. Noch 1904 legte der Kaiser aus seiner Privatkasse weitere 18.000 Gulden für den Karmelitinnen-Konvent zu.

Interessant: neben der Kaiserstiftung wurde am 2. November 1897 ein zweiter Stiftungsbrief für Mayerling gezeichnet - jener des Justizbeamten Dr. Franz Mießriegler und seiner "Fräulein Maria Freiin von Vetsera-Armenstiftung". Sie sah vor, jeweils am Todestag der Baroneß vier arme, unbescholtene Frauen mit sechs Golddukaten "auf die Hand" zu unterstützen. Wie oft die Zinsen des Stiftungskapitals von 4.000 Goldgulden ausgezahlt wurde, ist heute leider nicht bekannt.

Nach der Resignation der ersten Oberin 1909 folgen ihr Maria Franziska, ab 1912 Maria Theresia, ab 1918 Maria Serafina Theresia, ab 1921 Maria Theresia, ab 1927 Serafina Theresia, ab 1930 Maria Theresia, und von 1936 bis 1942 Maria Magdalena Szczensny. Unter ihr leben im April 1939 13 Chorschwestern, drei Laienschwestern und drei Novizinnen im Mayerlinger Kloster, von elf sind die weltliche Namen im Allander Meldebuch festgehalten: Anna Schwal, Friedrika Ulbricht, Felicitas Plank, Maria Zöckling, Josefa Stöckler, Helena Suida, Maria Frederika Brach, Karolina Zwicker, Maria Linninger, Maria Büchenmeister und Franziska Imstädler.

Noch im gleichen Jahr wurden alle Karmelitinnen amtlich abgemeldet, denn am 15. September 1940 erschien eine nationalsozialistische Kommission im Kloster und forderte die Nonnen auf, binnen 24 Stunden den Konvent zu verlassen. In das leere Klostergebäude zieht zunächst der 33jährige Gerd Orhs aus St. Veit an der Triesting. Als Führer eines Arbeitslagers ist er für den Bau der ab 1938 projektierten "Außenring"-Reichsautobahn zuständig. Das Arbeitslager des Reichsbautrupps der Organisation Todt steht im Garten des unteren Klosters in Mayerling 5, ein weiteres unter dem Namen "Leo Lipardi" in Alland. Im gleichen Jahr zogen die Rote-Kreuz-Schwestern Carolina Pigler, Lisbeth Schindler und Maria Watschinger in Mayerling Nr. 3 ein. Sie werden später die während des Krieges dort einquartierten "Volksdeutschen" aus Bessarabien betreuen.

Dort, wo jetzt also Reichsautobahnarbeiter wohnten, war zum 1. Juni 1890 ein Asyl für erwerbsunfähige Jäger eingerichtet worden. Anfangs standen für die 12 Stiftungsplätze mehr als zwei Dutzend Bewerber zur Diskussion. Nachdem 1893 das Forstarbeiter-Asyl im Meiereihof aus wirtschaftlichen Gründen aus der Obhut der kaiserlichen Privat- und Familienfonde an die Kongregation der Schwestern vom 3. Orden des Heiligen Franz von Assisi, die sogenannten Hartmannschwestern "Von der christlichen Liebe", übergegangen war, gab es unter den Juden Wiens Unstimmigkeiten über die Vergabe der Stiftungsplätze. Die Kultusgemeinde monierte 1898, daß die Zeitungsausschreibungen antisemitisch seien, da sie Arbeitern des mosaischen Glaubens die Aufnahme verwehrten. Die zunächst nur drei Schwestern betreuten das Asyl gewissenhaft und fleißig, so daß zeitweise mehr als 30 Nonnen Heim und Landwirtschaft betreuten. Seit 1993 vermieten die Hartmannschwestern auch wieder Zimmer in dem 1928 umgebauten, ehemaligen Stallgebäude des kronprinzlichen Jagdschlosses.

1945 wird das Areal von Hartmann- und Karmelkloster bei Kämpfen zur Westumfassung Wiens durch deutsche und russische Artillerie stark beschädigt. Die deutschen Truppen, vornehmlich Soldaten der 12. SS-Panzerdivision "Prinz Eugen" der 6. Panzer-Armee unter Sepp Dietrich, verschanzten sich im Wald um Alland, wo es wenige Tage nach der Besetzung Badens durch russische Einheiten am 3. April zu erbitterten Kämpfen mit Truppenteilen der 6. Garde-Panzer-Armee kommt. Die Straße durch das Helenental spielte beim Plan, Wien im Westen zu umfassen, eine wichtige Rolle: sie war sowohl für den Nachschub, als auch als Rückzugsweg der Deutschen von äußerster Wichtigkeit.

Nach 18 Kampftagen ist Alland fast ganz zerstört. Auch in Mayerling werden schwere Kriegsschäden beklagt. Durch schweren Artilleriebeschuß wird die Karmelkirche stark beschädigt und durch die zerschossenen Glasfenster regnet es herein. Auch das Dach wird in Mitleidenschaft gezogen und jene Männer, die später neue Ziegel auflegen, sprechen wegen der Größe des Flickenteppichs gar vom "kleinen Dorf". Die zerstörte Brücke über die Schwechat in Richtung Raisenmarkt wird erst 1953 wieder in Stein errichtet und auch die Stifterfenster der St. Josefs-Kirche können erst jetzt vom Bauamt der Erzdiözese restauriert werden. Im Kloster der Hartmannschwestern hatten sich nach dem russischen Einmarsch kurzfristig ukrainische Soldaten einquartiert, so daß die Nonnen für drei Wochen ins Gutenthal übersiedeln mußten.

Aus der nun folgenden Nachkriegszeit mit ihren Entbehrungen, Mühen und Plagen ist nicht viel bekannt. Wir wissen jedoch, daß zu dieser Zeit einige der rund 160 Einrichtungsgegenstände, die vom ehemaligen Jagdschloß im Karmel verblieben, gegen Überlassung von Lebensmitteln neue Besitzer finden. Am 28. August 1945 kommen die ersten acht Karmelitinnen aus Baumgarten zurück nach Mayerling. Im Frühjahr 1946 folgen acht weitere Schwestern aus Graz. Langsam wird in dem aufgelassenen Kloster wieder eine Klausur eingerichtet und geweiht.

In den Jahren nach seiner Gründung finanzierte sich der Karmel aus der Kaiserstiftung. Doch immer öfter gingen Bettelbriefe an den Monarchen nach Wien, der immer seltener den angeforderten Summen zustimmte. 1914 lehnte Franz Josef beispielsweise die Neueindeckung der Kegelbahn ab. Sein Nachfolger, Kaiser Karl, versichert 1917 jedoch den Schwestern "stets Fürsorge und aufrichtige Gewogenheit". In der nun wechselvollen Geschichte der 1. und 2. Republik mußte jedoch durch Kerzenproduktion, Bienen- und Hühnerzucht oder das Ausbessern von Meßgewändern aus Heiligenkreuz und Raisenmarkt versucht werden, wirtschaftlich zu arbeiten. Aber auch die Nachfahren des Kaiserhauses sorgen mit Geldspenden hin und wieder für bessere Zeiten.

In den 50er Jahren erwacht in Deutschland und Österreich das Interesse am Hause Habsburg: Ernst Marischka erzählt in drei abendfüllenden Farbfilmen, die mittlerweile mehr als 500 Millionen Menschen zu Tränen rührten, die Geschichte der Kaiserin Sisi und trifft damit genau den Nerv des Wirtschaftswunderpublikums. Daß ein geplanter vierter Teil die reife Kaiserin verklärte, scheiterte zum Glück am Veto der Hauptdarstellerin, Romy Schneider. Fast zur gleichen Zeit läuft der Sascha-Film "Kronprinz Rudolfs letzte Liebe" unter Regie von Rudolf Jungert an. Rudolf Prack spielt den Kronprinzen, eine attraktive Christiane Hörbiger-Wessely verkörpert die Vetsera. Plötzlich ist das Kaiserhaus wieder populär, viele wollen alles über Sisi wissen und pilgern nach Wien und später auch nach Mayerling.

So wurden in den ersten Nachkriegsjahren bereits in einem nicht genutzten Teil des Klosters freundliche Gastzimmer eingerichtet, die jedoch schon bald die Nachfrage nach Übernachtungsmöglichkeiten in Mayerling nicht mehr befriedigen können.

1956 wird nach den Plänen eines Bruders der damaligen Oberin, der 1985 verstorbenen Schwester Johanna Högler, am Nordtor des alten Schlosses der Elisabethtrakt zu einer Fremdenpension umgebaut, die bis in die 80er Jahre Gäste aus nah und fern beherbergt. Um die Baukosten aufbringen zu können, gestattete Kardinal Innitzer sogar einem Fotografen, für einen Spendenaufruf im "Wiener Kirchenblatt" Aufnahmen im Karmel anzufertigen. Der Mann, der heute in Wien lebt, sah die Schwestern jedoch nie von Angesicht. Bei seinem Klausurrundgang begleitete ihn eine Schwester, die permanent ein Glöckchen läutete - als Zeichen, den Schleier herunterzulassen und vom Gang wegzutreten. Noch heute ist der Besuch im Kloster für den Journalisten seine ungewöhnlichste Arbeit. Der Karmel, so sagt er, sei für ihn eine Welt voller Frieden und Ausgeglichenheit.

Wie schön, daß in den Jahren danach immer wieder der Mayerling-Boom angekurbelt wurde: lokal im Frühjahr 1966 durch die Uraufführung von Dr. Rudolf Örtels "Der Kronprinz" am Badener Theater und weltweit 1968 mit dem Corona-Film "Mayerling". Hier glänzten Dr. Schiwago, Omar Scharif, als fescher Thronfolger und Chatherine Deneuve als blonde Baronesse.

Nebenbei: Mayerling im Film ist viel älter als wir glauben. Schon 1919 entstand Hans-Otto Löwensteins Vergangenheitsbewältigungsfilm "Mayerling", der jedoch schon im Produktionsjahr der Zensur zum Opfer fiel. Dafür sorgten die einflußreichen Adelskreise der 1. Republik. Rudolf, der bei Löwenstein für die Liebe und nicht der Politik Willen in den Tod ging, wurde von Eugen Neufeld gespielt, Midy Elliot stand als Mary vor der Kamera. 1923 folgte unter Alexander Kordas Regie in Deutschland der Streifen "Tragödie im Haus Habsburg", zwei Jahre später, und erneut von Löwenstein finanziert der Streifen "Leibfiaker Bratfisch", der als "Der Prinz der Legende" in den Verleih kam. 1929 spielte in dem deutschen Stummfilm "Das Schicksal derer von Habsburg" eine spätere NS-Propagandafilmerin die Baronesse Vetsera: Leni Riefenstahl.

Weitere Mayerling-Filme folgten: 1935 produzierte die "Nero-Film" mit Charles Boyer den Streifen "Mayerling", 1949 entstand in Frankreich "Das Geheimnis von Mayerling" mit Jean Marrais. Ein Höhepunkt der Filme über die Rudolf und Mayerling ist die 1949 entstandene Karl Hartel-Verfilmung von Ernst Lothars "Der Engel mit der Posaune", in dem Norman Wooland den Kronprinzen spielte. Weniger wichtige, jedoch interessante Umsetzungen des Stoffes sind neben Märschen, Musikstücken und Balletten Andre Hellers Festwochen-Stück "King-Kong-King Mayer-Mayer-Ling" von 1972 und die Bieroper "Kronprinz Rudolfs letzte Liebe", die im Oktober 1996 auf der Pawlatschenbühne des Restaurants "Cottage" im 18. Wiener Bezirk uraufgeführt wurde. Zuletzt sei an Christopher Bölls "Sisi und der Kaiserkuss" erinnert, der 1990 mit dem Zuckersüß-Image der Schneider als Kaiserin aufräumen wollte, jedoch lange keinen Kinoverleih fand. Doch sehen wir uns noch sieben Jahre früher an der Schwechat um...

Der 19. März 1983 soll für den Fremdenverkehr in Alland endlich wieder ein großer Tag werden: Bürger und Freunde der Wienerwald-Gemeinde rufen eine "Planungsgesellschaft" ins Leben, die "finanzielle, technische, kaufmännische, rechtliche, wissenschaftliche und kommunale Tatbestände" zur Eröffnung von "Kulturzentrums und Imagothek Mayerling" prüfen soll.

Ein Gemeinderat weiß damals: "Es geht bei Mayerling nicht um persönliches Unglück, sondern um einen Tat, die die Geschichte unseres Landes beeinflußt hat." Mit Blick auf den 100. Jahrestag dieser Tat sollte an der Schwechat nämlich ein Bauwerk entstehen, das neugierige Touristen befriedigen, zusätzliche Besucher anlocken und Historiker zu Tagungen anziehen soll. Kurz: die Gemeinde sucht nach einer Möglichkeit, "Leistungen in einer dem Fremdenverkehrsland Österreich würdigen und gewinnversprechenden Form zu erbringen". Durch Modelle und Fotografien wollen so renommierte Mitmenschen wie Unternehmensberater, Bankdirektoren, Bürgermeister, Marketingfachleute, Architekten und die Deutsche Historikerin Brigitte Hamann, in vier Abteilungen Mayerling "didaktisch, das heißt auch für bildende Schulausflüge geeignet", darstellen. Auf einer Gesamtfläche von 5000 Quadratmetern sollte gegenüber diesem Wirtshaus für 15 Millionen Schilling plus jährlichen Kosten von fast 4 Millionen Schilling ein Kulturzentrum entstehen. Mit 150.000 Besuchern kalkulierten die Initiatoren jährlich, doch die Diskussion um die NS-Vergangenheit des Bundespräsidenten Dr. Kurt Waldheim ließ den Hauptsponsor, eine amerikanische Fluggesellschaft, abspringen.

Und auch die Nachbarn am Sattelbach wollten die Imagothek nicht: Zisterzienserpater Beda Bernd Zilch, Kämmerer von Heiligenkreuz und jetziger Prior der Klosterneugründung im deutschen Ruhrgebiet, wandte sich mit aller Kraft gegen die Kommerzialisierung und erreichte, daß der Orden kein Grundstück für einen möglichen Bau zur Verfügung stellte. So verging der 100. Jahrestag von Mayerling ohne "Imagothek" und in Mayerling wurde nur die Karmelkirche gereinigt und die Fenster ausgebessert.

Jedoch zur angepeilten Weltausstellung 1995 kam der Bau wieder auf die Tagesordnung: diesmal jedoch als Leight-Version in der Art eines Wachsfigurenkabinetts. Die Medien überschlugen sich. Die Krone der Berichterstattung: der Neubau des "Jagdschlosses" im Dämmerlicht zwischen Historie und Legende sollte die Karmelschwestern entlasten, denn die zahlreichen Besucher seien für die Nonnen eine Last. Niemandem war bewußt, daß dem Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen mit einem Museumsabklatsch ein großer Teil ihres Lebensunterhalts geraubt würde - das Eintrittsgeld. Zudem dachte plötzlich auch kein Beteiligter mehr daran, wie sehr die Tradition der Sühneschwestern ein Teil des Fremdenverkehrs und der Werbung geworden war.

Falls man diesmal wieder kein geeignetes Grundstück fände, wollte der damalige Inhaber des historischen Gasthauses "Tourist", einem im 17. Jahrhundert errichteten Bauernhof jenseits der Schwechat, Land für Schauräume und Kiosk zur Verfügung stellen. Ein auf drei Mann geschrumpfte Mayerling-Konsortium plante weiter, sicherte sich die Zustimmung des politischen Parteien zur Expo-Imagothek und gewann auch Landeshauptmann Ludwig für das Projekt im Überschwemmungsgebiet der Schwechat. Die Schmalspurlösung sollte jetzt 200.000 Besucher jährlich locken, die mindestens 50 Schilling Eintritt zahlten - Entree in die Karmelkirche inklusive, denn die Schwestern sollten immerhin 50 Prozent des Kartenverkaufs für sich gutschreiben dürfen. Letztlich wurde - ebenso wie aus vielen Pläne keine Weltausstellung -auch aus dem zweiten Anlauf kein Museum. Statt dessen entstehen Anfang der 90er Jahre in Alland am Pöllaubach die Kronprinz Rudolf-Landhäuser und an der 1982 endlich fertiggestellten Autobahn "A 21" bei Alland eine Raststätte, die heute mit ausgestellten Bildern, Uniformen und Zeitungsausrissen leider viele Durchreisende vom Besuch in Mayerling abhält.

Heute leben ca. 14.000 Karmelitinnen in nahezu 800 Klöstern auf allen fünf Kontinenten. Österreichische Karmelitinnenklöster befinden sich - außer in Wien - in Gmunden, Graz, Innsbruck, Linz, Himmelau (Kärnten), Mariazell, Rankweil, Bärnbach und natürlich in Mayerling.

Damit will ich meinen Vortrag beenden und sie auf den kommenden Sommer verweisen. Turnusgemäß wird Rudolf dann wieder verkünden: "Ich bin der Geist, der stets erscheint, wenn Urlaubsfreunden sich mit sauren Gurken paaren." Freuen wir uns also auf diese sogenannte Sauregurkenzeit der heimischen Medien und warten auf neue Wahrheiten über das Drama von Mayerling. Für heute jedoch - vielen Dank für Ihr Interesse und dem Schwarz-Gelben-Forum für die Möglichkeit, hier im historischen Wirtshaus zu Mayerling sprechen zu dürfen.


Teil 1 finden Sie hier.

http://www.mayerling.info am