Vortrag "Von Murlingen nach Mayerling" [ Diese Seite drucken ]
(Stand: April 2007)

An dieser Stelle finden Sie den ersten Teil des Vortrages "Von Murlingen nach Mayerling", gehalten auf Einladung des "Schwarz-gelben Forum" von Lars R. Friedrich 1998 im Gasthaus "Zum alten Jagdschloss" in Mayerling.
Teil 2 finden Sie hier.

Bild: Schwarz-Gelbes-Forum

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Herr Präsident, meine Damen und Herren, liebe Gäste. Ich freue mich, Ihnen heute die Geschichte dieses reizvollen Ortes im Wienerwald in Form eines Streifzuges durch seine Vergangenheit vorstellen zu können. Mein Name ist Lars Friedrich, ist bin 29 Jahre alt und arbeite in Deutschland als Pressereferent für eine der größten Nachhilfeorganisationen Europas, dem auch in Österreich bekannten Studienkreis. Vor neun Jahren wurde mein Interesse am österreichischen Erzhaus Habsburg geweckt und seither beschäftige ich mich mit dem Aufbau des Internationalen Mayerling Archives in meiner Heimatstadt, Hattingen. Dort stand übrigens auch das Stammhaus der Ihnen sicher bekannten österreichischen Grafen von Kielmannsegg.

"Um den Blick von eigenen Abgründen abzuwenden", so schreibt Claudio Magris in seiner Flußbiographie 'Die Donau', "gibt es kein besseres Mittel, als die Identität anderer zu analysieren und sein Interesse auf die Natur der Dinge zu richten." Dazu möchte ich Sie heute hier in Mayerling einladen.

Wie wär's mit diesem Bild:
Elisabeth als Mutter mit Rudolf ihrem Sohn -
Und hier: Ist das nicht nett?
Die Kaisers feiern Weihnacht im festlichen Salon.
Auf diesem Bild sehen wir
das Hohe Paar in Liebe zugeneigt.
Einen Teller hab' ich auch,
der Elisabeth beim Beten in der Hofkapelle zeigt.
(...)
Verzieht nicht das Gesicht! Tut bloß nicht so,
als wärt ihr an der Wahrheit interessiert.
Die Wahrheit gibt' s geschenkt, aber keiner will sie haben,
weil sie doch nur deprimiert. Elisabeth ist "in",
man spricht von ihr seit über hundert Jahr' n.
Doch wie sie wirklich war,
das werdet ihr aus keinem Buch
und keinem Film erfahr' n -
Schon gar nicht von mir!

Michael Kunze und Sylvester Levay mögen verzeihen, daß Verse aus ihrem Musical "Elisabeth", das im kommenden Jahr in Dresden wieder zu hören sein wird, den Anfang eines Vortrages zur Geschichte Mayerlings bilden. Doch es paßt: Wer hinter der Überschrift "Von Murlingen nach Mayerling" die Lösung des Rätsels um den Tod von Kronprinz Rudolf 1889 hier am Ort vermutet, mag jetzt wieder gehen. Wie es wirklich war, werden Sie aus keinem Buch und keinem Film erfahren - und auch heute nicht von mir. Wie es war, können nur Rudolf und Mary wissen. Ihr Gedanken blieben uns aber verborgen, denn Schweigen ist das größte Recht der Toten.

Seit über 100 Jahren ist der Name dieses Ortes eng mit einem Vorfall verbunden, der als "Drama von Mayerling" in Geschichtsbücher und Enzyklopädien Einzug gefunden hat - mit dem Tod des Erzherzogs Rudolf von Österreich und der Baroneß Mary Vetsera. Am Morgen des 30. Januar 1889 war der Kronprinz von Österreich-Ungarn mit seiner minderjährigen Geliebten hier in seinem Jagdschloß tot aufgefunden worden. Hätte der kaiserliche Hof nicht unmittelbar nach Bekanntwerden des Ereignisses begonnen, der Öffentlichkeit nur häppchenweise Informationen und Halbwahrheiten zu servieren, hätte diese familiäre Tragödie sicher nie den Status eines "Mythos" erworben. So wie beim Tod von Lady Diana nur langsam der tatsächliche Hergang ihres Autounfalls in Paris bekannt wurde, dauerte es im Fall Habsburg Jahrzehnte, bis seriöse Autoren und Journalisten Quellen auswerten und Schlüsse ziehen konnten. Mehr als 30 Versionen, wie Rudolf und Mary und ob beiden denn überhaupt ums Leben gekommen sind, kursieren heute: Selbstmord, Eifersucht, mißglückte Abtreibung, religiöser Wahn, politische Zusammenhänge, familiäre Disharmonien, antimonarchistische Umsturzpläne - all das wird erwähnt, soll Licht in die Vorfälle jener ominösen Winternacht gebracht werden. Angeblich soll der Name des mit Schmach, Schande und vielleicht einer Mordtat beladenen Kronprinzen nach seinem Tod in der Hofburg nicht mehr erwähnt worden sein - was allerdings nachweislich nicht stimmt. Fakt ist jedoch: über die zweite Leiche in Mayerling durfte offiziell bis zum Beginn der 1. Republik nicht gesprochen werden. Marys Name wurde getilgt auch an den Kronprinzen sollte das Volk unter Franz Josef möglichst wenig Erinnerungen haben.

Dennoch begegnen wir fast allen Orts immer wieder dem Kronprinzen: in Wien im Spital der Rudolf-Stiftung, im 1863 entstandenen 15. Wiener Bezirk Rudolfsheim, den vielen Rudolfsgassen und Straßen, der 1884 eingeweihten Rudolfsbrücke - der heutigen Reichsbrücke -, der Rudolf-Kaserne in Rossau, dem Rudolfshof von Theophil von Hansen an der Türkenstraße, dem 1875 eröffneten Kronprinz-Rudolf-Kinderspital - heute als Mautner-Markhofsches Kinderspital bekannt -, dem Rudolfinerhaus, dem einstigen Seeschlachtschiff der kaiserlichen Kriegsmarine, "Kronprinz Erzherzog Rudolf", dem 1888 von Samuel Graf Teleki und Ludwig Ritter von Höhnel entdeckten Rudolfsee in Afrika, der nördlichsten Insel Eurasiens, Rudolfa, der Rudolfsapotheke an der Goldschlaggasse und - last but not least - dem Rudolfskai in Salzburg.

Aber auch Denkmäler erinnern oder erinnerten an den Hoffnungsträger der Monarchie, der vor 140 Jahren in Laxenburg das Licht der Welt erblickte: im Historischen Museum der Stadt Wien als Büste von Viktor Tilgner, im Vestibül des Rudolfinerhauses, als Relief des einstigen Korfu-Denkmales von Antonio Chiattoni am Rauchhof in Laxenburg, als Büste im Garten des Grinzinger Rudolfshofes, bis 1945 als lebensgroße Figur in Budapest und seither in der Nähe von Kaposvar, im neuen Schloß in Orth an der Donau, bis 1894 im Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud's in London und hier in Mayerling, wo es zwar seit 1935 kein Standbild des Erzherzoges mehr gibt, wo aber weit mehr als am Sarg Nummer 144, seinem Sarg, in der Wiener Kapuzinergruft die Aura dieses ungewöhnlichen Prinzen fühlbar ist.

Mayerling. "Hier wird deutlich, was Liebe wirklich heißt: Tod." Das sagt einer jener Reiseleiter, die im Sommer mehrmals täglich Touristen im Sightseeing-Bus auf der Tour vier "Mayerling and the Vienna Wood" von Baden zur Seegrotte nach Mödling begleiten. Schließlich muß es einen Grund geben, warum jährlich Tausende Touristen den Weg in den Wienerwald finden. Kaum einer dieser Besucher weiß viel mehr, als daß der Kronprinz mit einer Geliebten, einer Minderjährigen, hier gestorben sei - über viel mehr informiert auch die Internet-Seite der "Gedächtnisstätte Kronprinz Rudolf" nicht. Und trotzdem kommen sie in Scharen - hunderte jeden Tag. Ob sie einen Blutfleck erwarten so wie die Wartburg-Besucher Luthers Tintenspritzer an der Wand? Oberhalb Eisenachs hat man zwischenzeitlich den jahrhundertelang immer wieder sorgsam nachgezeichneten Tintenklecks des Reformatoren übertüncht. Und auch in Mayerling gibt es kein Blut mehr zu sehen. Freilich, wer die richtige Führung bekommt, sieht Blut - oder wird zumindest auf dunkle Spritzer auf einem Teppich, der aus dem Sterbezimmer stammen soll, aufmerksam gemacht. Doch so wie Luzifer leibhaftig sicher nie die Wartburg betrat, dürfte jener Teppich auch nie im Sterbezimmer gelegen sein.

Mayerling hat keinen Bäcker, keinen Metzger, keinen Konsum. Dafür gibt es drei Wirtshäuser, zwei Postautobushaltestellen, eine Privatpension, zwei katholische Kirchen und zwei Klöster. Österreich heißt schließlich nicht ohne Grund auch Klösterreich. Sonst gibt es keine Spur von Infrastruktur. Selbst die schon im Mittelalter existierende Kreuzung zweier wichtiger Straßen, des Binnen-Wienerwaldweges Nord-Süd und der Fernverbindung St. Pölten-Baden, führt Reisende von hier eher fort. Eigentlich würde niemand freiwillig hierher kommen. Wirklich nicht?

Fakt ist: Schon seit Jahrtausenden zieht es Menschen an diesen Ort. Warum gibt es gerade hier und hauptsächlich am Großen Buchberg bei Alland zur Zeit der Lengyelkultur Leben - 2500 Jahre vor Christus? Vielleicht, weil das Tal der Schwechat ein gutes Jagdrevier war und ist?

Zu Beginn des 11. Jahrhunderts - also tausend Jahre nach Christus - wird bereits eine erste christliche Gemeinde in Alland genannt. Zumindest erwähnt König Heinrich I., genannt der Starke, mit einem ähnlich klingenden Ortsnamen die Urpfarre des Wienerwaldes in einer Urkunde. Das geschieht am 1. November 1002 und der Weiler wird Privatbesitz der Babenberger. Alland heißt damals "Adelathe" oder "adel achte", was "adeliger Besitzt" bedeutet.

1136 stellt Marktgraf Leopold III, der 1485 als frommer Pius Leopold heilig gesprochene Stifter des Zisterzienserklosters Heiligenkreuz, dem Weiler Mayerling quasi einen Taufschein aus: in der vorletzten Zeile der Gründungsurkunde jener Abtei am Sattelbach müssen sich Ozo und Otfridus de Murlingen neben 14 weiteren neuen Nachbarn für die Wahrhaftigkeit des Dokuments und die Richtigkeit der Grenzziehung verbürgen. Ozo besitzt ein freies Eigen mit Herrenhaus und Wirtschaftshof im heutigen Bereich der beiden Klöster. Otfridus lebt auf dem strategisch günstig gelegenen Steinhof, einem nicht mehr existierenden turmartigen Anwesen mit Herrensitz und Meierei auf der anderen Schwechatseite. Glauben wir diesem Dokument, verlief die hochmittelalterliche "via molendini", der Weg zur Mühle der Murlinger, von der Einmündung des Lachbaches in die Schwechat über einen Hügel Richtung Heiligenkreuz und stellte die Grenze der Klosterneugründung dar.

Doch schon zu so früher Zeit müssen wir uns mit einer Beugung der Tatsachen auseinandersetzen, wie wir sie später rund um Mayerling noch oft antreffen werden. Bereits 1912 wies der Historiker und Biograph des Kronprinzen, Oskar Freiherr von Mitis, in seinen "Studien zum ältesten österreichischen Urkundenwesen" darauf hin, daß es sich bei der diplommäßig ausgestatteten und überreich verzierten Grenzurkunde von 1136 um eine "diplomatische Fälschung" aus der Zeit um 1230 handeln könne. Ein Beweis dieser Theorie: die einer päpstlichen Bulle ähnelnde Ausstattung der Schrift, die erst nach Papst Innozenz III. in den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts üblich war.

Der Grund für diese erste überlieferte Mayerling-Lüge der Geschichte: Neid neuer Nachbarn, insbesondere der Allander.

Im neuen Stift wurden alle üblichen Handwerke ausgeübt und bereits im 1. Jahrhundert ihrer Tätigkeit in Österreich waren die zunächst zwölf, aus dem französischen Morimond stammenden Zisterzienser mit so großem Erfolg wirtschaftlich tätig, daß sich der Orden wegen seiner "Entwicklungshilfe", vor allem aber seiner Abgabenfreiheit Feinde machte.

Um 1230 bricht ein heftiger Streit zwischen Abt Eglolf von Heiligenkreuz und dem Allander Pfarrer Leopold vom Zaun, in dessen Pfarrgemeinde das Sattelbacher Kloster gebaut wurde. Ein Schiedsgericht erreicht, daß der weltliche Priester auf seine persönlichen Einkünfte aus dem Bereich der Klosterneugründung ebenso wie auf den Ackerlandzehnt in den Grenzen von Heiligenkreuz verzichtet. In dieser Zeit dürfte der heute so gerne zitierte Stifterbrief erstellt worden sein, um während des Prozesses gegen Alland eine gesiegelte Urkunde vorweisen zu können, die den Umfang der ab 1133 zugewiesenen Ländereien bestätigte. Als Entschädigung gibt es für den Allander Pfarrer zwei Bauerngüter, sogenannte Widemhöfe: das Höflingshaus Alland Nr. 6 samt Kirchgasse bis zur Brunnwiese gegen Grub und das Anwesen Raisenmarkt 25 oder 26, den Mayerlinger "Wimbauer". Zudem zählte zur Schenkung der Steinbauer, heute Schwechatbach 25, das spätere Anwesen der Anastasia Gräfin vom Wimpfen, mit dem Getreidezehnt von Waitzbaum, Rabenthal, Schanzenstein, am Schober, von Gutental und Zobel.

Trotz dieses vom Passauer Bischof bestätigten Vergleichs - Frieden herrscht zwischen Alland und Heiligenkreuz erst ab 1235, als Herzogin Gertrud von Babenberg das Allander Patronatsrecht den Heiligenkreuzern schenkte. 1380 wird die Pfarre Alland ganz dem Stift Heiligenkreuz einverleibt.

1196 erinnert uns Bischof Wolfker von Passau an den letzter Herrn von Murlingen: ein "Bernhardus" wird in einer Urkunde erwähnt. 1272 verkauft Albert, Sohn Dietrichs unter dem Stein, sein Eigen - den Steinhof - an das Zisterzienserstift.

Daß 1276 Otto von Arnstein stirbt, wäre heute uninteressant, hätte er nicht auf dem Totenbett Haus Mayerling 9 mit Zins und Rente der alten Mühle den Heiligenkreuzer Mönchen vermacht und uns so einen weiteren Hinweis auf die Geschichte dieses Ortes gegeben. 1294, so die Chronik, erscheinen Hof und Mühle in "Mewerling" im klösterlichen Gültenverzeichnis. Zum Wohle der Zisterzienser mußte das Gut acht Hühner, sieben Käse, 30 Eier und eine Gans mindestens haben - soviel verlangten die Herren am Sattelbach zu den jährlichen Kirchenfesten Ostern, Weihnachten, Pfingsten und Fasten. Neun Schilling Bargeld am Michaelistag nicht zu vergessen.

1388 sitzt auf dem Mühlenhof der Bidel Fullo, ein Tuchmacher. Ihm folgen als Besitzer Andre, Michael und Sigmund Vogel. Zu dieser Zeit sprechen die Bauern der Umgebung von der Mayerlinger Mühle "an der Bruckh" - also an der Brücke - um 1580 von der Speichmühle und ab 1650, nach dem neuen Besitzer Michel Schwab, von der Schwabmühle. Um 1700 kauft das Anwesen Hans-Georg Fleischmann, dessen Familie bis 1853 hier verbürgt ist.

Mawrling, Mewerling, Mowerlingen, Murlingen - was bedeutet dieser weltbekannte Ortsname eigentlich? In seiner ing-Form geht er auf "Menschen auf der Mauer" zurück und könnte an das Adelsgeschlecht von Ozo und Otfrid erinnern, die hier auf freien, befestigten Eigen leben. Andere Quellen wollen die Namengebung auf das Jahr 869 datieren, als Baden unter der Bezeichnung "Padum" genannt wird. Ins althochdeutsche lauschend, setzt sich Mayerling aus dem "hofling" für Höfling und "charmarling" für Kämmerling zusammen, als Bindewort für häusliche Zugehörigkeit wird ein aus "muri" abgeleitete "muriling" verwandt. Übersetzt hieß Murlingen also "zu den Haus- oder Dorfleuten". Weit poetischer klingt die Namenswerdung in der Chronik des Karmels: im Namen Mayerling schwingt der Wonnemonat Mai mit, das Wort Meierei als Synonym für Milch, Honig und somit das gelobte Land und natürlich der Name Mariens. Wonne, Paradies, Jungfräulichkeit - welch ein Kontrast zum blutigen Tod der jungen Baroneß und des Kronprinzen vor 109 Jahren...

Doch halten wir uns zunächst am Hugo Wolf, der noch im Sommer 1880 über die nur zwei Quadratkilometer große Gemeinde urteilt: "Man lebt wie der Herrgott in - Mayerling!"

Am 11. November 1392 verpachtet der Abt von Heiligenkreuz "Mawrling pei der Swechent" für guten Zins und Ackerbauzehnt - immerhin 48 Michaelispfennig jährlich - an die Brüder Niklas der Wedel und Lienhart Wedel. Ob sie mehr Glück mit der Bewirtschaftung des Hofs hatten als später ein Herr Fischer, kann nicht bezeugt werden.

Mayerling, heute mehr Busbahnhof als Ort, wäre sicher nie so berühmt geworden, hätte sich die Kirche nicht jahrhundertelang um diesen Ort verdient gemacht. 1412 baut Abt Albert von Heiligenkreuz auf Ozo´s Erbteil eine Kapelle samt einem schlichten Granarium, das den Zisterziensern als Wirtschaftshof dient. Unter Umständen stand hier bereits vor Beginn des 14. Jahrhunderts eine kleine Andacht oder Kapelle, denn in einer Urkunde von 1378 wird bereits eine Mayerlinger Gemarkung als "Kirchenfeld" bezeichnet. Bischof Andreas reiste aus Passau an, um das Gotteshaus dem Abtpatron Laurentius zu weihen. Doch der Kapelle geht es ähnlich wie ihrem Namensgeber, dem 258 nach Christus hingerichteten Märtyrerdiakon: sie findet in den Flammen ein schnelles Ende, denn 1477 brennen die Ungarn unter König Matthias Corvinius die Andacht nieder.

1550 erkauft das Stift vom Nachbarkloster Klein-Mariazell in Mayerling den Wirtschaftshof des Erhart Sunnleutner, den einstigen Herrensitz des Ozo von Murlingen, das heutige "untere" Kloster.

Nach langer Zeit ohne Kirche baut Abt Bernhard Medrizer 1516 in Mayerling ein neues Gotteshaus. Vom Passauer Bischof Bernhard geweiht, fackelte die Andacht im Herbst 1529 erneut ab - diesmal entzünden Sultan Suleymanns türkische Heere beim Marsch auf Wien das Feuer.

Erneut ruhte die Ruine. Erst 1637 beauftragt Abt Michael II. einen Herrn Edmund Flöhel, gemeinsam mit drei Patres die Kirche wieder zu errichten. 1652 wird schon eine Seitenkapelle angebaut, denn Mayerling ist unversehens zum Wallfahrtsort geworden. Der Wiener Kaufmann Tonolino, dem Namen und der Herkunft nach Italiener, kam 1640 krank nach Mayerling - und reiste geheilt heim. Er stiftete das Steinrelief der armen Seelen im Fegefeuer, das noch heute erhalten sein soll. Es darf angenommen werden, daß mit dem sicher pest- oder pockenerkrankten Tonolino die Mayerling-Wallfahrt begann. Ähnlich wie bei Gottesdiensten in Schwarzensee dürften in Mayerling fortan berittene Freibauern bis ins 17. Jahrhundert eiserne Tiere bei Gottesdiensten geopfert haben. Opfertag war das Laurentiusfest am 10. August eines jeden Jahres. Ein weiteres Zeugnis einer Wallfahrt wird heute in einem Wiener Privathaushalt aufbewahrt: es handelt sich um den Teil eines Bildes, das dankbare Heiligenkreuzer Mönche stifteten, die in Mayerling Schutz vor einer neuerlichen Pestwelle gefunden hatten

Heute ist Mayerling, seit der Gründung am Rande der "Via sacra", dem Pilgerweg von Wien nach Mariazell gelegen, Wallfahrtsort der Rudolf-Touristen. 1654 war Mayerling Wallfahrtsort der Gläubigen. Eine Sebastian- und Rochusbruderschaft gründete sich, für die 1656 eine Seitenkapelle geweiht wurde. Die Statuen der Pestheiligen standen beiderseits des großen Hochaltares. Johannes Baptist Fuhrmann, Provisor - also Hausmeister - zwischen 1646 und 1658, errichtete eine weitere Seitenkapelle zur Ehren Mariä Himmelfahrt, baute einen Turm an, ließ Glocken gießen, erstand Paramente und Kelche und baute in den Garten ein eingeschossiges Heiliges Grab. Zu dieser Zeit wurde auch der erste Mayerlinger Friedhof angelegt.

Den Eifer lohnend, setzte der Heiligenkreuzer Abt ab sofort Provisoren ein, die den Gottesdienst in der Laurentius-Kirche versahen und am Ort leben durften. Zuvor galt die Kirche als Filiale der Allander Pfarre.

Die Pestwelle 1679 verschonte weder Graz noch Wien. In Heiligenkreuz und Mayerling allerdings machte der Schwarze Tod nicht Halt, was Abt Klemens Schäffer auf sein Gelübde zurückführte, mit dessen Einlösung er 1681 begann: er läßt die St. Laurentius-Kirche abtragen und an gleicher Stelle neu aufbauen, stockt das Granarium um eine Etage auf und baut es zur barocken Mönchsherberge um.

Nur bis Juli 1683 konnte sich der Zisterzisenserabt an dem Neubau freuen, der die Stiftskasse rund 5800 Gulden kostete. Dann kamen die Türken wieder, diesmal unter Kara Mustafa. Provisor Alberik Höffner berichtet, daß 70 Menschen in Mayerling getötet oder verschleppt, die Altäre zertrümmert wurden und der Turm samt Glocken eingestürzt sei. Verständlich, daß Paramente und zwei silberne Meßkelche auf die Verlustliste gerieten. Nur das Heilige Grab blieb von den Osmanen verschont.

Doch weder schwarzer Tod noch türkischer Teufel lassen die Freibauern der Umgebung an ihren Wallfahrten zweifeln. Auf deren Drängen nämlich nimmt sich Bau-Abt Clemens 1692 erneut der Laurenzi-Kirche an und baut sie barockisiert mit zwei Türmen wieder auf. 1730 verewigt sich Abt Robert Leeb im gerade frisch renovierten Kirchenareal durch die Erweiterung der Heilig-Grab-Kapelle und die Errichtung eines neuen Hochaltares, 1825 läßt Abt Xaver Seidemann die Kirche erneut umbauen. 1851 wurden neue Glocken geweiht.

Und noch immer zahlt der Wimbauer, 1788 eines von 10 Häusern in Mayerling, seinen Getreidezehnt aus Greith, Feichtenbühl, Obermaierhof, Rohrbach und Raisenmarkt an die Allander Pfarre. Jetzt muß die Familie Nestler für die Kirche abtreten. Erst 1848 endet diese Verpflichtung.

Zu dieser Zeit, Mitte des 19. Jahrhunderts, dürfte Mayerling "moderner" gewesen sein als heute: 14 Häuser gibt es, darunter im Kirchenfeld oberhalb der Straße nach Alland im barocken Granarium das Gasthaus Eipeldauer mit Schankgarten und Pavillon. Im Norden steht das Haus des Heiligenkreuzer Stiftförsters Knapp, in dem es bereits Fremdenzimmer für Pilger gibt. Kleinere Gebäude, Gesindehäuser und Schuppen, grenzen den Kirchplatz gegen Osten ab. Zu dieser Zeit sind die Einwohner Mayerlings durchweg Waldbauern, die neben spärlichem Ackerbau vielfach auch Holzhandel betreiben. Unter den 24 Familien gibt es zwei Handwerker. Zudem besitzt der Ort neben der mittelalterlichen Mahlmühle auch eine Brettsäge und, Richtung Untermeierhof, eine weitere Mühle, die Schatzmühle von 1452. Erst 1955 wurde ihr Mühlgraben zugeschüttet und eingeebnet.

Heute kann mit Mayerling auch Hugo Wolf, Österreichs bekanntester Liederkomponist seit Franz Schubert, in Verbindung gebracht werden. Erstmals zog es den begabten Windischgrazer Anfang der 80er Jahre an die Schwechat. Ein Wiener Bekannter, der Advokat Dr. Joseph Reitzes, besaß in Mayerling ein kleines Landhaus oberhalb des Ortes, das Bauernhaus Milli-Nandl, nach einer dort stehenden Marienstatue auch "Marienhof" genannt. Eines der beiden Fremdenzimmer im Parterre des Bauernhauses bewohnte Wolf. Dort spielte er den Mietern, ab 1880 der Architektenfamilie Viktor Preyss und deren Schwägerin Bertha von Lakhner, aus Wagner-Opern vor, las viel und komponierte im Juni 1882 nach einem Möricke-Text das "Mausefallensprüchlein" und sein D-moll-Streichquartett. Doch nicht nur wohlwollende Zuhörer fand Wolf in seinen Mayerlinger Gastgebern - sie fungierten auch als Geldgeber für nie rückgezahlte Darlehen. In Mayerling rollte sich Wolf seine ersten Zigaretten, aß vegetarische Müsli, streifte durch die Wälder und hatte seine ersten sexuellen Erlebnisse mit einem Mädchen namens Vally Franck.

1934 brannte der Marienhof bis auf die Grundmauern nieder, wurde als Holzblockhaus mit Jausenstation und Landwirtschaft neu errichtet und ging in den Besitz der Familien Matzner und Winter über. 1965 pachtet eine Familie Hanner das Anwesen.

Der jetzige Inhaber des "Marienhofes", Heinz Hanner, wurde 1997 zum Koch des Jahres gekürt. Zu den Stammgästen des jüngst renovierten Komforthotels "Kronprinz" oberhalb des Ortes zählen heute Kurt Waldheim und Friedensreich Hundertwasser.

Hier unten, an der Durchgangsstraße, stand seit Maria Theresias Zeiten eine Poststation, die Herberge und Jausenstation des Breitenfurter Gastwirtes Gottwald - später im Besitz der Familien Vasak, Grundner, Knotzer und Gratzer -, und dahinter eine 1891 abgetragene Villa mit Gärtnerwohnhaus, Scheune, Stall und viereckigem Wirtschaftshof. Ihn erwirbt später der deutsche Graf Reinhard August Friedrich Christian von Leiningen-Westerburg. In der Laurentius-Kirche heiratet dieser am 26. Juli 1885 Anna Stephanie Hermingilde Pick, verwitwete Edle von Böhm, eine Soubrette des Badener Stadttheaters. Dieser Standesunterschied war für viele Zeitgenossen schon ein schlechtes Vorzeichen. Nicht nur für die Ehe, die 1895 auseinanderbrach.

Blicken wir noch einmal zurück in jene Zeit: die Kirche ist sicher auch an diesem Hochzeitstag dunkel. Rußende Kerzen lassen flackernde Schatten über das Bild des großen Altares tanzen: der Martertod des Heiligen Laurentius. Nach der Trauung geht die Gesellschaft zum Gasthaus Eipeldauer hinüber.

Bei gutem Wetter wird im Pavillon des Gastgartens gefeiert. Sollten doch Wolken aufziehen, will der Wirt im Gewölbezimmer eindecken. Der Raum ist knapp sieben mal sieben Meter groß. Doch die Hochzeitsgäste werden hier genügend Platz finden.

Die Freunde des Grafen wohnen in seiner Villa nahe der Durchgangsstraße oder jenseits der Schwechat im Gasthaus "Tourist" von Anton Wurstbauer. Beim Postwirt Josef Gottwald waren sie wohl kaum untergebracht: im Keller des langgestreckten Hauses gab es nur einfache Schlafgelegenheiten für Fuhrleute. Mayerling ist zwar klein, aber wegen seiner Wallfahrt und schönen Lage im Wienerwald ein beliebtes Ausflugsziel der Residenzstädter. Auch für Kronprinz Rudolf. Er genießt hier immer öfter die Abgeschiedenheit. Um niemand zu sein und am allerwenigsten der künftige Kaiser. 1885 pachtet der Kronprinz sogar für sechs Jahre die Gemeindejagd in Alland

Daß das "Ja" des Grafen in der Laurentius-Kirche nicht lange hält, weiß an diesem Sommertag niemand. Auch nicht, daß vier Jahre später in der dann umgebauten Gaststube der Kronprinz tot aufgefunden wird. Mit einer weiblichen Leiche an seiner Seite.

Hier, bei Gräfin Leiningen, gibt es erste amouröse Kontakte zum Kronprinzen an den kaiserlichen Hof: nach Konfidentenberichten im Akt des Wiener Polizeipräsidenten soll sie, eine "junge hübsche und fesche Jüdin", Erzherzog Rudolf bei seiner Brautfahrt an den Brüsseler Hof begleitet haben. Sie galt auch als einer der Gründe, die den österreichischen Thronfolger so oft nach Alland und Mayerling zogen.

Aus jener Zeit kennen wir die Erzählung einer 1971 mit 106 Jahren verstorbenen Allanderin, die sich noch an den Kronprinzen erinnerte. Bei seinen Aufenthalten an der Schwechat sprach er nach der Heiligen Messe junge Mädchen an und versuchte sie, für vier Groschen für einen Nachmittag zum Mitgehen zu bewegen. Auch sie sei angesprochen worden, habe aber abgelehnt.

Das Jagdrevier des kaiserlichen Hofes rund um Glashütte - hier saßen die Habsburg auf Kahlwild. In Mayerling schoß der Kronprinz selten, vornehmlich von einer Rastbank oberhalb des Helenentales dort, wo jetzt das "Hotel Helenenstüberl" steht. Nur zehn Jagden, meist einfache Pirschgänge, fanden vom neuen Schloß aus statt. Die letzte war die Schicksalhafteste: seine Kaiserliche und Königliche Hoheit der durchlauchtigste Kronprinz Erzherzog Rudolf von Österreich starb. Nicht im Hochstand. Nicht auf der Pirsch. Wahrscheinlich im Bett.

Etwas früher noch, 1880, treffen wir den schon erwähnten Michael Fischer hier an der Schwechat wieder - bei Börsenspekulationen verlor der Hofzuschroter 1873 viel Geld, rettete sich nach Mayerling und erwarb den großen Wirtschaftshof nahe der Schwechat. Fischer modernisierte, baute eine Geflügelfarm auf, kaufte Grundstücke und Vieh dazu, bewies ein glückliches Händchen in Geldsachen und brachte die Meierei wieder auf Vordermann. Der riesige Gutshof zog Neugierige der gesamten Gegend an. Sie staunten sicher nicht schlecht, wenn Fischer mit seinen rassigen Kutschierpferden Moro und Regro ausfuhr oder die Heiligenkreuzer Patres gern gesehene Gäste der Meierei waren.

1884 zog es Michael Fischer allerdings erneut an die Börse, er verlor wieder und mußte den Mayerlinger Hof durch eine Wiener Realitätenkanzlei verkaufen lassen. Fischer zog mit seiner Familie, verarmt und verschuldet, in ein Übergangsquartier, ein altes Palais am Meidlinger Dreherpark, ein.

Rudolf wohnt zu dieser Zeit oft im Allander Gasthaus "Zum goldenen Löwen" oder logiert ab 1884 im Forsthaus Nr. 14 am Jägerkreuz. Da er stets auf der Fahrt nach Alland von der Gräfin Leiningen in Mayerling mehr als freudig begrüßt wird, soll es zu pikanten Eiversuchtsszenen zwischen dem Kronprinz und seiner Gattin, der Erzherzogin Stephanie gekommen sein.

Um diese "sexuelle Belästigung" zu beenden, kaufte 1886 kurzerhand die Kabinettskanzlei des Kaisers die Leining' sche Villa in Mayerling und zwei weitere Häuser, die noch im selben Jahr dem Stift zum Tausch für Forsthaus, Gasthaus Eipeldauer, die Gartenkellnerei und ein Zinshaus anboten werden. Zusätzlich erhielt Heiligenkreuz als Wertausgleich noch 25.000 Gulden - die Schuldscheine des Kronprinzen über das aus der Familienkasse erhaltene Darlehen zu 9 Prozent Zinsen noch erhalten. Mit diesem geschickten Schachzug ist der Weg nach Alland zunächst wieder "hindernisfrei".

Um jedoch ein abgeschlossenes Refugium für den Erzherzog Thronfolger, seine Gattin Stephanie und ihre gemeinsame Tochter Elisabeth zu schaffen, wird das Gasthaus Eipeldauer geschlossen, das Areal umgebaut, der Zugang mit einem Schild "Hier ist das Gehen und Fahren verboten" Unbefugten untersagt und die Bezirksstraße sogar auf fast einem Kilometer in Richtung Schwechat verlegt. So entsteht in Mayerling ein Jagdschloß, fast hermetisch von der Umwelt abgeriegelt und von den Heiligenkreuzer Patres nicht unangefeindet.

Bereits am 19./20. November 1887 kann das neue Schloß eingeweiht werden: von der alten Straße aus erreicht man den Gebäudekomplex durch das Süd- oder Osttor und gelangte so in einen Innenhof mit Blumenrabatten und Brunnen.

Teil 2 finden Sie hier.

http://www.mayerling.info am